Magnetsturm

Ein Fantasy-Roman von Ronja Winter

Dieser Fantasy-Roman spielt in einer Endzeitsituation auf der Erde.

Viel Spass beim Lesen.


Zu den Kapiteln
Kapitel 1 - Polarlicht
Kapitel 2 - Der Fremde
Kapitel 3 - Kuchen
17.06.2005 11:32:20: Kapitel 3
Kopfschüttelnd wandte sich Laura dem Ladeninhaber zu. Wer den Unbekannten beworfen hatte, ging sie ja eigentlich gar nichts an.

"Schönen Tag, Armin. Hier habe ich dir Käse mitgebracht und einen Satz frisch gelegte Eier."

"Dir auch einen schönen Tag, junge Dame. Was hättest du gerne im Gegenzug?"

"Mumi braucht Mehl, Zucker und Seife."

"Gerne. Hier ist Mehl, dann noch einen Beutel Zucker und bei der Seife kannst du auswählen: reine Kernseife oder mit Lavendelduft."

"Die mit dem Lavendel nehme ich. Mumi riecht Lavendel nämlich so gerne."

"Alles klar, also die Lavendelseife."

"Danke, Armin. Übrigens: auf Konserven können wir sehr gut verzichten und auch die anderen sollten sich nicht an solche Bequemlichkeiten gewöhnen, finde ich. Und mit diesem Typen macht man wohl besser keine Geschäfte, die einen längere Zeit binden."

"Gut, dass du es sagst. Ich fand den Vertreter auch nicht besonders sympathisch und von Krediten halte ich sowieso nichts. Hast du letzte Nacht das Polarlicht gesehen?"

"Klar! Das konnte man ja wohl kaum übersehen. Hast du auch etwas Besonderes gespürt, was von dem Nordlicht ausging?"

"Gespürt? Ne! Natürlich sah alles etwas unheimlich aus, darum bin ich auch bald wieder ins Haus gegangen. Die Strahlung soll ja gar nicht so gesund sein. Auf dem Heimweg solltest du dich auch sputen, junge Lady, und dich nicht so lange dem Sonnensturm aussetzen."

"Ist schon merkwürdig, ein Sturm, den man nicht sieht, außer nachts. Ich werde dann mal nach Hause gehen, tschüss Armin."

"Tschüss Laura und grüß Mumi von mir."

Auf dem Weg nach draußen fiel Lauras Blick auf die von Armin angebotenen Kompasse, die vorwiegend von Wanderern aus der Stadt gekauft wurden, weil sich die Bewohner der Siedlung auch ohne gut zurechtfanden. Die Kompassnadeln drehten sich wild im Kreis. Laura betrachtete das Schauspiel eine Weile und fragte sich, ob der Sonnensturm wohl die Ursache für das merkwürdige Verhalten der Nadeln war.

Vor dem Laden schaute Laura sich um, in der Hoffnung, den Zapfenwerfer zu entdecken. Wer mochte es nur gewesen sein? Jungen im Alter für Streiche gab es nicht in der Siedlung nur ein paar Kleinkinder. Über deren Existenz wunderte sich Laura, denn wer wollte schon freiwillig Kinder in diese Welt setzen, in der eine Katastrophe die nächste jagte. Die meisten der jungen Männer in Lauras Alter waren in die Stadt gezogen, nur zwei waren übrig geblieben, aber die waren so brav, dass Laura ihnen keinen Streich zutraute.

Ob es Zufall gewesen war? Wie konnte eine ganze Salve von wohlgezielten Zapfen Zufall sein? Laura betrachtete den Baum, der den Vertreter attackiert hatte. Er wirkte friedlich und war keineswegs in Stimmung, seine anderen Zapfen frei zu geben.

Der Angriff auf den Typen gehörte wohl zu den Mysterien, die sich nicht lösen ließen, dachte Laura bedauernd und schlug den Weg nach Hause ein.

Mumi wartete schon auf Laura, denn das Wasser im Hochtank war fast leer und Nachschub musste von der Zisterne hochgepumpt werden. Normalerweise lief das automatisch, aber ohne Strom gab es diese Bequemlichkeit nicht. Laura war inzwischen erheblich kräftiger als Mumi, daher musste sie pumpen.

"Wenn der Strom mal fehlt, dann merkt man erst so richtig, wo er uns überall nützlich ist. Ohne unsere vielen Helferlein hätten wir ein hartes Leben", Mumi sah mit gerunzelter Stirn zu, wie Laura den Pumpschwengel bewegte.

"In der Stadt muss das aber noch viel schlimmer sein. Wir haben hier ja immerhin für jedes Gerät noch einen Ersatz für die Bedienung von Hand und üben das auch regelmäßig. Aber in der Stadt läuft wohl gar nichts, wenn kein Strom fließt. Das Stadtleben stelle ich mir sehr merkwürdig vor."

"Ist es auch. Zumindest war es das früher, bevor ich hier her gezogen bin, aber das ist lange her. Stell dir vor, damals gab es auch in der Stadt noch keine Androiden und unsere Unkrauthelfer waren der neueste Schrei."

"Kann ich mir immer noch kaum vorstellen, auch wenn du mir das schon oft erzählt hast. Na ja, ohne Androiden leben wir ja ganz gut. Aber auf unsere Helferlein möchte ich ungern dauerhaft verzichten. Hoffentlich haben sie im Keller genug Schutz vor dem Sturm."

"Ja, das hoffe ich auch. Komm gleich ins Haus, wenn du fertig gepumpt hast."

"Mach ich Mumi", Lauras Oberarme schwollen bei jeder Pumpbewegung deutlich sichtbar an. Sie war durch und durch ein Landmädchen und stolz darauf. Zumindest meistens war sie stolz darauf. Manchmal aufkeimende Lust, in die Stadt zu gehen, schob sie immer schnell in den hintersten Winkel ihres Innenlebens. Die Stadt kannte sie nur aus dem Trideo und vereinzelten Besuchen. Warum so viele Menschen freiwillig in der Stadt lebten, konnte sie nicht verstehen. Dort war es so laut und das Gewimmel der vielen Menschen hatte sie erschreckt.

Nach dem Pumpen ging Laura ins Haus und überlegte, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollte. Der Lerner stand wohlverpackt im Keller ebenso wie das Spielmodul, mit dem Laura gerne die Freizeit verbrachte. Mumi sah nicht so aus, als würde sie Hilfe beim Kuchenbacken benötigen. Sogar der Ofen war schon angefeuert.

Laura ging in ihre Kammer und räumte auf. Doch das war schnell erledigt, weil nicht viel rumlag. Ihr Blick fiel auf ihr Regal und die Bücher, die dort aufgereiht standen. Ihre Mutter hatte Laura diese Bücher hinterlassen. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, aber für einen solchen Tag wie geschaffen. Laura griff nach ihrem Lieblingsbuch, das sie vor Jahren das letzte Mal gelesen hatte und vertiefte sich in die spannende Geschichte.

Schließlich rief Mumi nach Laura, weil der Kuchen fertig war. Peter und Marion, ein benachbartes Ehepaar, waren trotz des Magnetsturms zu Besuch gekommen. Laura begrüßte die beiden herzlich und setzte sich mit knurrendem Magen an den Tisch. Vor Mumis Platz stand ein Glas mit Marmelade, anscheinend ein Mitbringsel der Gäste. Marion war berühmt für ihre exotischen Marmeladen. Laura rätselte, aus welchen Früchte oder gar Gemüsesorten die Marmelade wohl diesmal bestand.

Doch dann brachte Mumi den Kuchen und Laura lief so stark das Wasser im Munde zusammen, dass sie alle anderen Gedanken vergaß. Mumi war eine Meisterin in der Kunst, einfache Kuchen so lecker zuzubereiten, dass sie besser schmeckten als die raffiniertesten Konditorkuchen. Diesmal gab es Nusskuchen. Laura versuchte, den Kuchen nicht gierig reinzuschlingen, sondern ihn mit der angemessenen Würde zu essen. Am Tisch herrschte jedoch Ruhe, denn auch die anderen konzentrierten sich voll auf das Essen und schwiegen. Da wollte Laura nicht durch unangemessene Wildheit auffallen.

Wann die Kleine wohl ausbrechen wird? Irgendwann laufen ja fast alle jungen Leute davon und sie kommt langsam in das kritische Alter.

Wer hatte das gesagt? Laura blickte von einem zum anderen, aber alle aßen mit geschlossenem Mund. Marion schaute Laura kurz an, senkte jedoch sofort den Kopf und richtete ihre Augen auf den Teller. Ob Mumi etwas gehört hatte? Offensichtlich nicht, denn Mumi aß ungerührt weiter. Wieso sollte Laura davonlaufen? Sie hatte zwar erlebt, dass viele ihrer Altersgenossen die Siedlung verlassen hatten. Den meisten ging es aber nicht besonders gut, dort wo sie hingezogen waren. Das wusste Laura vor allem von denen, mit denen sie weiterhin in Emailkontakt stand. Lauras Leben hier auf dem Lande war zwar nicht besonders aufregend, aber ihrer Meinung nach um Klassen besser als alle anderen Möglchkeiten. Das beantwortete jedoch nicht die Frage, wer das mit dem Ausbrechen gesagt hatte und vor allem wie.

Als alle beim zweiten Stück Kuchen angekommen waren und langsam ein Gespräch aufkam, ergriff Laura den Stier bei den Hörnern und fragte Marion nach deren Tochter, die vor fünf Jahren weggezogen war.

Hab ichs doch geahnt.

Marion hatte nichts gesagt. Dann aber fing sie an, von ihrer Tochter zu erzählen, die in der Stadt manch Ungemach erlebte, dort aber relativ glücklich verheiratet war. Laura war sich zunehmend sicher, dass die merkwürdigen Sätze, die sie in ihrem Kopf hörte, von Marion kamen. Ob es Marions Gedanken waren?

Der Rest des Besuches verlief ereignislos. Später kümmerte sich Laura wieder um die Tiere und half Mumi in der Küche.

Sobald es dunkelte linste Laura gespannt durch die Fenster, ob das Polarlicht wieder zu sehen war. Und tatsächlich: eine Stunde nach Anbruch der Dunkelheit leuchtete wieder der grüne Vorhang am Himmel. Laura schlich sich nach draußen und fühlte sich gleich wie verzaubert.

Die Arme dem Licht entgegengereckt ließ sie das Polarlicht durch sich rinnen und fühlte, wie es am ganzen Körper prickelte.

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